ICQ - Ein paar Statistiken…
01.10.2011 von
Martin
ICQ wird oft als der erste Instant-Messaging-Dienst bezeichnet und ist auch nach fast 15 Jahren noch immer sehr beliebt. In den ersten Jahren konnte ICQ einen rasanten Zuwachs verzeichnen, unter anderem auch durch den Verkauf an den amerikanischen Onlinedienst AOL. Doch wie sieht es heute aus? Nach ausführlichen Statistiken über die Nutzerzahlen und Informationen über die Nutzer selbst sucht man im Internet vergeblich.
Der folgende Artikel soll einen Einblick in die aktuelle Lage von ICQ und deren Nutzer ermöglichen. Neben den weltweiten Statistiken, wurden Deutschland und Russland zusätzlich separat untersucht, da diese beiden Länder den größten Nutzeranteil aufweisen.
Anmerkung: Für die folgenden Statistiken wurden nur Accounts mit aktivierten Profilen berücksichtigt.
Anzahl und Verteilung der UINs
Ein typisches Merkmal von ICQ sind die ICQ-Nummern, über die jeder Nutzer eindeutig identifiziert werden kann und worüber, zusammen mit dem Passwort, der Login erfolgt. In den letzten Jahren wurde der Login über eine feste E-Mail-Adresse jedoch in den Vordergrund gerückt, sodass die ICQ-Nummer zunehmend an Bedeutung verliert. Doch vor allem im russischsprachigen Raum erfreuen sich kurze und einfach zu merkende UINs (Unique Identification Number – im Weiteren als Synonym für die ICQ-Nummer verwendet) großer Beliebtheit, sodass eine komplette Umstellung auf den Login via E-Mail hier wohl wenig Begeisterung auslösen würde.
sowie in die Bereiche 1 bis 9 bei den 9-stelligen UINs aufgeteilt. Diagramm 1 zeigt die absolute Anzahl der ICQ-Nummern in den jeweiligen Bereichen. Die geringe Zahl der 5-stelligen UINs ist darauf zurückzuführen, dass sie ursprünglich nur für die Entwickler gedacht waren und nicht zur Registrierung freigegeben wurden. Der größte Anteil konzentriert sich verständlicherweise im Bereich der 9-stelligen UINs. Gut zu erkennen ist hier, dass momentan UINs mit der Anfangszahl 6 bei der Registrierung vergeben werden. (Anmerkung: Die Vergabe der Nummern erfolgt nicht fortlaufend, sondern zufällig aus einem größeren Bereich, beispielsweise 550000000-650000000). Obwohl für den Bereich 700000000-999999999 offiziell noch keine Registrierung möglich ist, existieren hier bereits einige Accounts. Das liegt unter anderem daran, dass es vor einiger Zeit möglich war, durch Ausnutzung eines Bugs beliebige UINs zu registrieren.
Um den Anteil der registrierten Accounts in den jeweiligen UIN-Bereichen besser vergleichen zu können, bietet sich der prozentuale Anteil an (Diagramm 2), das heißt unabhängig von der maximalen Anzahl der UINs betrachtet. Hier wird die geringe Anzahl der 5-stelligen UINs noch einmal deutlich, aber auch 7- und 8-stellige UINs existieren verhältnismäßig wenig.
Schaut man sich die Unterbereiche im Detail an, ist ein gewisses System bei der Nummernvergabe zu erkennen. Auffällig ist jedoch, dass die Bereiche 180000000-189999999 und 500000000-549999999 komplett übersprungen wurden.
Insgesamt sind 382627226, also rund 383 Millionen Accounts bei ICQ registriert. Bei Wikipedia heißt es: „Derzeit sind über 470 Millionen Nutzer bei ICQ registriert.“ Da fragt man sich, wie sie auf diese Zahl kommen. Würde man die inaktiven Profile zu den 383 Millionen hinzunehmen, wäre das trotzdem noch weit von den genannten 470 entfernt. Vermutlich stammt der Wikipedia-Eintrag aus der Zeit, als ICQ-Nummern mit den Anfangszahlen 47 vergeben wurden.
Die Länder mit den meisten ICQ-Nutzern sind Russland (30,9 Mio.), Tschechien (30,3 Mio.) und Deutschland (21,5 Mio.). Danach folgen Ukraine, USA und Brasilien mit weitem Abstand (Diagramm 4). Da Tschechien bei den aktiven Nutzern allerdings noch hinter der Ukraine einzuordnen wäre, wird es bei den Statistiken nicht näher betrachtet.
Von allen Nutzern, die ein Heimatland angegeben haben (152,7 Mio.), stammen somit 20,2% aus Russland und 14,1% aus Deutschland. Tatsächlich werden es wahrscheinlich noch mehr sein.
Schaut man sich nun die Heimatstädte an (Diagramm 5), ist es nicht verwunderlich, dass Moskau (6,9 Mio.) unangefochten den ersten Platz belegt. Auch sonst sind viele russische Städte in den Top 15 vertreten. Mit 0,52 Mio. Nutzern liegt die größte deutsche Stadt nur auf Platz 10. Weitere deutsche Städte folgen erst auf den Plätzen 32 (Hamburg), 56 (Köln) und 60 (München).
Von über 52 Millionen im November 2009, hat sich die Anzahl der aktiven ICQ-Nutzer innerhalb von nur einem Jahr um fast 37% auf 33 Millionen verringert (Diagramm 6).
In Deutschland und Russland fallen die Rückgänge mit 17% auf 6,6 Millionen bzw. mit 10% auf 18,4 Millionen nicht so stark aus.
Bei den eindeutigen Nutzern ist, insbesondere bei Deutschland und Russland, im gleichen Zeitraum nur ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Die Anzahl liegt hier jeweils bei ungefähr der Hälfte der eben genannten Zahlen.
Vor allem bei den russischen Unique Users sind konstante Schwankungen im Verlauf zu erkennen, wobei die Höhen unter der Woche erreicht werden und die Tiefen am Wochenende. Ursache hierfür könnte die mangelnde private Nutzung von ICQ sein, oder die Tatsache, dass gerade einmal 25% der russischen Haushalte über einen Breitband-Internetzugang verfügen. In Deutschland sind es hingegen über 66% der Haushalte.
Das folgende Diagramm zeigt den internationalen Vergleich der aktiven ICQ-Nutzer. Und erneut wird der große Nutzerkreis in Russland ersichtlich. Vergleicht man nur die Werte von November 2009 mit jenen im darauffolgenden Jahr, kann Russland seinen Anteil von 35% auf fast 50% sogar kräftig steigern. Aber auch Deutschland schafft knapp 5% Plus. Allerdings resultiert dieser Anstieg in beiden Fällen nicht aus einem Nutzerzuwachs, sondern aus den teilweise großen Rückgängen in anderen Ländern (beispielsweise Israel).
Mit 28 Jahren ist das durchschnittliche Alter der ICQ-Nutzer verhältnismäßig hoch. Das liegt aber vor allem daran, dass der Großteil der Nutzer bereits seit vielen Jahren bei ICQ angemeldet ist. Denn mit dem Alter des Accounts steigt tendenziell auch das Alter des Besitzers, was auf dem Diagramm gut zu erkennen ist. Das durchschnittliche
Alter der weiblichen Nutzer liegt, wie im Internet üblich, meistens unter dem der männlichen Nutzer.
Verständlicherweise fragt sich der eine oder andere sicher, warum das allgemeine Alter teilweise leicht über dem der geschlechtsspezifischen Angaben liegt. Das hat den einfachen Grund, dass in diesen Fällen mehr Angaben zum Alter als zum Geschlecht vorliegen.
Mit 23,3 Jahren wird im Bereich 600000000-699999999 bei den weiblichen Nutzern (2,66 Mio.) das niedrigste Durchschnittsalter erreicht. Interessant wäre hier natürlich das Alter der aktiven Nutzer.
Insgesamt liegt das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Nutzern bei ungefähr 60% zu 40% (sofern angegeben). In Deutschland ist der Anteil der weiblichen Nutzer in den letzten Jahren konstant angestiegen. Kurze ICQ-Nummern bleiben aber doch eher Männersache.
Bei den Vornamen liegt Anna mit 2,95 Mio. Einträgen auf dem ersten Platz, gefolgt von Basil (2,57 Mio.) und Roman (2,43 Mio.). Auf den ersten Blick mag das nicht logisch erscheinen, denn immerhin ist der Großteil der ICQ-Nutzer männlich. Der Grund ist in dem Fall der Name Anna selbst, da dieser nur wenige Varianten besitzt und in vielen Sprachen gleich geschrieben wird. Würde man beispielsweise Alex zu Alexander zählen, wäre er natürlich klar vorne. Aber es kann eben auch die Kurzform von Alexandra sein.
In Deutschland liegen die Namen Christian, Michael und Daniel mit leichtem Abstand vorne. Der Vorname Anna taucht in den Top 15 gar nicht auf, sondern liegt weit abgeschlagen auf Platz 28.
Um einen Kontakt in die eigene Liste aufnehmen und alle Funktionen von ICQ nutzen zu können, ist meistens eine Autorisierung erforderlich. Aber nicht immer. Wie Diagramm 16 zeigt, ist nur bei knapp über der Hälfte aller Kontakte (56%) eine Autorisierung nötig. Gut erkennbar ist eine sprunghafte Veränderung ab dem UIN-Bereich 200000000. Entweder wurde hier die Standardeinstellung zur Autorisierung verändert, oder das Nutzerverhalten hat sich geändert.
Im Vergleich zu Russland verlangt in Deutschland ein deutlich höherer Anteil der Nutzer eine Autorisierung.
ICQ kämpft seit dem Aufkommen alternativer Clients stets um die Nutzer für den offiziellen Client, welchen weltweit nicht einmal die Hälfte (43,50%) aller ICQ-User nutzen. Gerade in Russland, dem Land mit den meisten ICQ-Nutzern, wird der offizielle Client nur von ungefähr einem Viertel verwendet. Der alternative Client QIP ist hier besonders stark vertreten. Nur in Deutschland ist der Anteil der ICQ eigenen Software sehr hoch (81,54%). Der Rest verteilt sich relativ gleichmäßig auf die vier größten Drittanbieter QIP, Miranda IM, Trillian und Pidgin.
Das folgende Diagramm zeigt die „Grenzen“ rund um die Kontaktliste. Im Allgemeinen haben sich die die Grenzen in den letzten Jahren kontinuierlich nach oben verschoben. Ein großer Sprung ist bei den maximalen Einträgen in der Ignorieren-Liste zu verzeichnen. Ein Zusammenhang mit dem erhöhten Spam-Aufkommen wäre denkbar.
Aktuell können maximal 1500 Kontakte (verteilt auf mehrere Gruppen) in die eigene Kontaktliste aufgenommen werden. Pro Gruppe sind 600 Kontakte möglich.
Watchers: Maximale Anzahl an Beobachtern einer UIN.
Ignore List: Maximale Anzahl der Einträge in der Ignorieren-Liste.
Groups: Maximale Anzahl der Gruppen in der Kontaktliste.
Visible/Invisible List: Maximum für Einträge in den Sichtbar-/Unsichtbar-Listen.
Contacts: Anzahl der maximalen Kontakte in der eigenen Kontaktliste.
Wie bereits zu Beginn erwähnt, gilt es in Russland schon fast als Tradition, eine kurze oder „schöne“ ICQ-Nummer zu besitzen. Aus diesem Grund werden Besitzer solcher UINs regelmäßig Opfer von Account-Diebstählen. Aber auch andere Nutzer bleiben davon nicht verschont. Für das Verteilen von Spam beispielsweise, was im ICQ-Netz stark betrieben wird, eignen sich aktive Accounts sehr gut. Dabei spielt die ICQ-Nummer keine Rolle. Denn auf einen Link, der durch einen Freund versendet wurde, klickt man verständlicherweise dann doch eher, als wenn er von einem Fremden kommt.
Viele Nutzer machen es den „Hackern“ aber auch zu leicht. Natürlich ist die Sicherheit in puncto Passwort bei ICQ durch die momentan maximale Anzahl von 8 Zeichen begrenzt, doch das sollte im Normalfall ausreichen. Erschreckend ist jedoch die Fahrlässigkeit vieler Nutzer bei der Passwortwahl. Nicht nur dass sich oft mit 6 und weniger Zeichen begnügt wird, nein, so verwenden im Schnitt 10% ein einfaches Wort aus dem Wörterbuch (sehr beliebt sind „passwort“, „password“, „schatz“, „12345678“ und Varianten davon) oder einen Namen. Auch vor dem eigenen Namen wird bei der Passwortwahl nicht Halt gemacht. Das bedeutet, von den genannten 10% wählt wiederum ungefähr jeder zehnte ein Passwort mit direktem Bezug zur eigenen Person oder sogar zum eigenen Profil (Vor-/Nachname sowie Geburtsdatum).
Beim Spam über das ICQ-Netzwerk werden die Nutzer vor allem durch regelmäßig eingehende Nachrichten und Anfragen genervt und weniger durch den Inhalt dieser Nachrichten, da diese entweder wegen der enthaltenen Links gefiltert werden oder auf Russisch sind. Lange wurde von seitens ICQ nichts oder nur wenig dagegen unternommen. Erst in den letzten Monaten gelang es, das Spam-Aufkommen ein wenig einzudämmen. Häufige Nicknames der Spam-Accounts sind Sophia1802, Natha_1983, Natha_2399 und Natha_2019, welche einigen ICQ-Nutzern bekannt vorkommen dürften. Bei über 39.000 Accounts nach diesem Schema, wird es schwer sie alle in die Ignorieren-Liste zu bekommen. Eine serverseitige Deaktivierung wäre sicher kein Problem gewesen, hätte man sich nur mal Zeit dafür genommen. Die vollständige Liste der genannten Spam-Accounts kann im letzten Abschnitt heruntergeladen werden.
Insgesamt sieht die Zukunft für ICQ eher verhalten aus. Das wurde auch am Verkaufswert von “nur” 187,5 Mio. US-$
deutlich. Ein möglicher Grund für den starken Nutzerrückgang könnte der Wechsel vieler Nutzer zur Konkurrenz (z.B. MSN/WLM oder Skype) sein. Im Bereich Internet- bzw. Audio/Video-Telefonie, konnte sich ICQ im Gegensatz zu Skype nie richtig durchsetzen. Ebenso tragen soziale Netzwerke wie beispielsweise Facebook weiter zu einem Rückgang der ICQ-Nutzer bei, denn oft ist bereits eine Chat-Funktion vorhanden und somit kein extra Programm mehr nötig. Aber auch die mittlerweile weit verbreiteten Smartphones mit ihren zahlreichen Apps zur Kommunikation tragen ihren Anteil dazu bei.
Dennoch ist die Mail.ru Group bemüht, dem entgegen zu wirken. Als gute Ansätze wären hier die Integration des Facebook-Chats, die Verbindung mit Google Talk und die Genehmigung alternativer Clients zu nennen. Auch wird vermehrt auf die Wünsche der Nutzer eingegangen, was aber eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Die Statistiken mit allen Zahlen und weiteren Details sowie die Liste der Spam-Accounts können hier als Excel-Dokument (Office 2010) heruntergeladen werden:
ICQ_Statistics.xlsx (962 KB)
ICQ_Spam_Natha_Sophia.xlsx (1,65 MB)
Quellen: ICQ Server Database, ICQ Internal Reports, General Internet
Stand: Juni 2011
Geschrieben in ICQ |
















März 31st, 2012 um 17:39
Sehr interessanter Beitrag.
Danke für die gelungene Aufschlüsselung.
ICQ ist auch schon irgendwie retro und macht trotzdem immer noch viel Spaß es zu nutzen.
:)